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Am 7. und 8. Juli 2016 fand in Freiburg die Auftaktkonferenz des NOUS-Netzwerks statt. Hier eine kurze Zusammenfassung:

Vortrag „Was ist liberal, was ist konservativ?“
Dr. Michael Hermann, Sotomo und Universität Zürich:

Dr. Hermann hat einen hermeneutischen Ansatz zur Identifizierung liberaler und konservativer Positionen präsentiert. Dabei zeigte sich, dass der klassische Nolan-Chart mit seiner zweidimensionalen Sortierung nach dem Grad der zugestandenen individuellen und ökonomischen Freiheit zur Beschreibung des politischen Raums nicht mehr funktioniert. Die beiden relevanten Kriterien sind vielmehr Reformoffenheit (vs. Defensivität) und Liberalität (vs. Etatismus).

Zwiegespräch: „Liberal oder konservativ – was ist der Blick auf das Phänomen der Ökonomisierung?“
Prof. Dr. Lars Feld und Prof. Dr. Gerhard Wegner

Prof. Wegner stellte die verbreiteten Klagen über die Ökonomisierung des Lebens in ein neues Licht: Dass mehr Bereiche als früher vom Erfordernis der Rechenhaftigkeit und damit von mehr Stress erfasst seien, sei letztlich das Ergebnis von mehr Gleichheit. Wenn als Ergebnis marktwirtschaftlicher Reformen immer mehr Menschen Zugang zum Arbeitsmarkt, zu Bildung und Konsum hätten, nehme durch ihre schiere Zahl der Wettbewerb zu. Prof. Feld nannte die Diskussion über die Ökonomisierung eine Debatte der Vergangenheit. Heute gelte es die großen Herausforderungen der Zukunft mit liberaler Offenheit, Fortschrittshoffnung, Vertrauen und Optimismus anzugehen: Klima, Arbeitsmarkt, Demographie, Migration etc.

 

Zwiegespräch: „Liberal oder konservativ – was ist der Blick auf das Phänomen der Pluralisierung?“
Prof. Dr. Nils Goldschmidt und Prof. Dr. Christoph Lütge

Prof. Goldschmidt hieß die Pluralisierung als Steigerung des Wettbewerbs von Ideen gut. Dass sich Wertesysteme dabei verändern, bereitete ihm keine Sorgen: „Retrolook bei Werte bringt’s einfach nicht“. Allerdings setze Pluralismus voraus, dass die Gemeinschaft auf der Ebene der Kommunalpolitik und der Bildungspolitik niedrigschwellige inklusive Angebote bereithalte. Ziel jeder Gesellschaft müsse es sein, allen ein gutes Leben zu ermöglichen. Die Böckenförde- bzw. Röpke-These, die den Staat bzw. den Markt zum Moralverzehrer macht, ist nach Prof. Lütge verfehlt. Doch eine Gesellschaft könne sich nur auf Regeln und auf eine Politik einigen, die jedermann einen Vorteil bietet.

Zwiegespräch: „Liberal oder konservativ – was ist der Blick auf das Phänomen der Internationalisierung?“
Prof. Dr. Viktor Vanberg und Prof. Dr. Carl Christian von Weizsäcker

Prof. Vanberg unterschied zwei Framings des Liberalismus: den „deontologischen Liberalismus“, der die Frage nach der richtigen Ordnung als reines Erkenntnisproblem fasst und zumeist auf das Naturrecht zurückgreift, und den „teleologischen Liberalismus“, der diese Frage im Lichte der voraussagbaren Ergebnisse zu beantworten suche und dabei das Kriterium der allseitigen Vorteilhaftigkeit anlege. Unter dem Gesichtspunkt der Konsumenteninteressen sei ein Konsens leichter als über die Produzenteninteressen oder die Bürgerinteressen, die auch nicht-ökonomische Facetten umfassten. (Statement hier abrufbar.) Prof. von Weizsäcker fürchtete, dass die allseitige Vorteilhaftigkeit in einer Zeit, in der sich keine Vollbeschäftigung mehr herstellen lasse, ebenfalls passé sei. Er plädierte für eine Ausweitung der Zuwanderung.

Zwiegespräch: „Liberal oder konservativ – was ist der Blick auf das Phänomen der Politisierung?“
Prof. Dr. Stefan Kolev und Prof. Dr. Michael Zöller

Prof. Kolev warnte vor der grassierenden und offenbar mittlerweile salonfähigen tiefen Verachtung gegenüber der Demokratie, der EU und Amerikas. Rückwärtsgewandte Haltungen seien zunehmend in konservativen Kreisen anzutreffen. Prof. Dr. Zöller setzte diesem Befund die Erinnerung entgehen, dass der Konservatismus historisch – beispielsweise im Sinne eines Friedrich von Gentz (1764-1832) – als eine Theorie des Wandels begriffen wurde. Er skizzierte das liberale Projekt als ein Unterfangen, bei dem es vor allem um den Schutz des Einzelnen vor der Bevormundung durch den Staat und durch andere Menschen gehe.

„Ältestes bewahrt mit Treue,
Freundlich aufgefasstes Neue,
Heitern Sinn und reine Zwecke:
Nun! man kommt wohl eine Strecke.“

Johann Wolfgang von Goethe