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Am von in der Kategorie Dokumentation.

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Die Teilnehmer kamen aus unterschiedlichen Fachrichtungen wie Ökonomie, Geschichte, Soziologie, Philosophie und Jurisprudenz; einige befanden sich in der Endphase ihres Bachelorstudiums, andere schon in einer fortgeschrittenen Phase ihrer Dissertation. Das Thema, Max Weber und die Vielschichtigkeit der Sozialwissenschaften, war anspruchsvoll. Der Akzent sollte nicht auf einer Max-Weber-Exegese liegen, sondern auf der Bedeutung des Weberschen Werks für eine liberale Gesellschaft. Ausgesucht wurden einige zentrale Originaltexte Webers wie „Wissenschaft als Beruf“, „Politik als Beruf“, „Die drei reinen Typen der legitimen Herrschaft“ sowie ein zentrales Kapitel aus der „Protestantischen Ethik“. Dazu wurde Sekundärliteratur ausgewählt, die das Leben Webers beleuchtet und dessen Werk historisch kontextualisiert (hier das sehr lesenswerte Buch von Jürgen Kaube) sowie Texte von Wolfgang Schluchter, Andreas Anter, Ludwig Lachmann und Richard Swedberg. Einen Schlüssel für den Zugang zu Weber bot die These, dass sich Weber mit dem Kern einer bürgerlichen Gesellschaft auseinandersetzt und darin mit Liberalen wie Mill oder Hayek übereinstimmt. Während sich die Liberalen jedoch mit der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft beschäftigen, arbeitet Weber in seinem Werk derenVergangenheit auf. Anders als die Liberalen, die – wie Mill – einen kritisch abgetönten Zukunftsoptimismus teilen, dominiert bei Weber eine hochgradig ambivalente Einstellung gegenüber dem Fortschritt, die zahlreiche skeptische Momente vereint, aber auch nicht in die Hoffnungslosigkeit der „Dialektik der Aufklärung“ (Adorno/Horkheimer) oder des „eindimensionalen Menschen“ (Marcuse) verfällt. Gleichwohl hat Weber dieser sehr pessimistischen Beurteilung der Moderne diagnostisches Material geliefert (vgl. Sennett oder Rosa). Für eine moderne ordnungspolitische Betrachtung von Marktökonomien ist Weber wiederum deswegen eine Fundgrube, weil er – hierin Mill ähnlich – die Entwicklung von Marktgesellschaften als Teil eines umfassenden Zivilisationsprozesses deutet, der insbesondere den Staat und das Recht gleichermaßen einschließt und nicht auf die Steigerung der ökonomischen Effizienz reduziert werden darf. Damit erschließt sich die Einseitigkeit gängiger Zeitdiagnosen über eine wachsende Ökonomisierung. Kritisch gegenüber Weber wurde allerdings im Seminar die Frage erörtert, ob nach einer inzwischen langen Entwicklungs- und Stabilisierungsphase des modernen Kapitalismus Begriffe wie „Rationalisierung“ und „Entzauberung“ den movens agens der modernen bürgerlichen Gesellschaft zutreffend beschreiben. Die vorkapitalistische Ordnung ist inzwischen wohl doch so weit in die Vergangenheit versunken, dass sie als Bezugspunkt für Desiderata der Moderne kaum noch erinnert wird, geschweige denn attraktiv erscheint.